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Pressestimmen: Leben bis Männer

Montag, 19. Dezember 2005 | Autor: koeberich.e

Brüllender Cäsar an der Seitenlinie

Theater: Holger Kraft facettenreich als Fußballtrainer und Straßenmusiker im „Doppelmonolog für einen Schauspieler“

Von Peter Thomas (aus “Rüsselsheimer Echo” vom 19.12.2005)

Stratege und Psychologe, Träumer und Rüpel: Der Trainer in “Leben bis Männer“ von Thomas Brussig ist eine zerrissene Figur im Kleinen. Zwischen Platz und Kneipe und Job hat er irgendwann seine Träume verloren, die Familie, den sportlichen Ziehsohn. Doch wie ein Ball, der mit voller Wucht über den Platz getreten wird, so folgt der Trainer seiner Lebensaufgabe, dem Fußball – auch wenn der Schuss längst nicht in Richtung Tor fliegt.

Holger Kraft hat sich dieser schwierigen Rolle für den Abend “Doppelmonolog für einen Schauspieler” im Stadttheater angenommen. Er schreit und flüstert, beschwört und spuckt und spottet, lässt nach und nach die einzelnen Facetten dieses Charakters aufleuchten inmitten der Arena, die von einem schlichten Band aus Glühbirnen abgesteckt ist. Der aus Rüsselsheim stammende Schauspieler erkundet die Spannweiten der Gegensatzpaare, die Thomas Brussig als dramatisches Grundgerüst des Stücks angelegt hat: Männer/Frauen, Ostdeutschland/Westdeutschland, Trainer/ Mannschaft, schließlich Fußball/ andere Sportarten, der größte Konflikt von allen.

Die Rolle, die Brussig für “Leben bis Männer” entworfen hat, ist ein Archetyp ohne Namen, dessen persönliche Welt Sehnsüchte und Ängste eines Landes auf sich projiziert. Ein halbes Jahr vor der Weltmeisterschaft in Deutschland hat Regisseur Thomas Friemel zusammen mit Kostüm- und Bühnenbildnerin Anja Stoffel mit diesem 2001 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin von Peter Ensikat uraufgeführten Stück alles andere als ein Fußballmärchen inszeniert. Eher als Trauma und Sucht präsentiert sich der Sport in der Erzählung des Trainers. “Der Trainer muss brüllen können”, sagt der Coach, den Holger Kraft im dunklen Anzug gibt, während die Stollen der Fußballschuhe im harten Stakkato über die Bühnenbodenbohlen der Studiobühne klackern.

Über die Evolution des Fußballs sinniert der “Cäsar der Seitenlinie”, erzählt von seinem Eintritt in die SED. So wollte er die Reiseerlaubnis zu einer Welt- oder Europameisterschaft bekommen. Doch die DDR-Auswahl qualifizierte sich nicht mehr. Als zunächst beiläufig-stiller Kontrapunkt zum Leitmotiv Fußball entwickelt sich die Reflexion der Wende-Ära um 1989. Bis der Heiko, der beste Spieler in der Mannschaft des Trainers, als Mauerschütze vor Gericht steht. Brüllend verteidigt der Coach den Spieler: Er hat doch nur gehorcht, hat die oberste Tugend der Mannschaft erfüllt.

Irgendwann blendet der Trainer all seine Probleme wieder aus, fokussiert die Aufmerksamkeit auf Platz und Mannschaft: “Wir spielen nicht nur Fußball, wir trotzen den Zeiten”, ruft er dem Team zu, dessen Spieler wegen ihres Berufs immer seltener vollzählig zum Match erscheinen.

Dann wechselt das Licht und Holger Kraft wechselt die Trainerjacke mit dem Instrumentenkasten des Gitarrenmanns. Wo die Emotionen eben noch über eine Stunde lang hochgekocht sind, verabschiedet sich der “Doppelmonolog” aus dem Abend mit einem unheimlich stillen Stück. Der “Gitarrenmann” von Jon Fosse ist eine zweite Geschichte des Zusammenbruchs einer individuellen Welt. Doch der Musiker, der Tag für Tag für ein bisschen Geld in der Fußgängerzone spielt und singt, schreit seinen Frust nicht hinaus über die harte Fläche des Aschenplatzes. Neugierig betrachtet sich der Künstler selbst, um ganz leise und ohne jeden Höhepunkt von der Bühne und aus der Geschichte zu verschwinden.

Die Geschichten dieser so unterschiedlichen Figuren verband der Theaterabend “Doppelmonolog für einen Schauspieler” durch den Übergang ohne Bruch im Spiel zum dramatischen Spiegelbild und steigerte so die Spannung noch einmal. Verdienter, anhaltender Applaus belohnte Holger Kraft, Thomas Friemel und Anja Stoffel für diesen emotional aufgeladenen Theatermarathon.

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