Blick hinter die Kulisse der Familie Bin Ladens“Theaterhaus” feiert Premiere mit “Kinder der Revolution”/Gegensätzlichkeit von Terror und SpaßgesellschaftVom 21.07.2007Von André Domes
RÜSSELSHEIM Mit dem Werktitel “Kinder der Revolution” kommt das “Theaterhaus Rüsselsheim” noch ganz im frühen 70ies-Outfit daher und lockt auch ein bisschen mit dem dazugehörigen Revoluzzer-Pathos. Doch wer am Donnerstag der Premiere des zweiteiligen Theaterabends beiwohnte, der merkte schnell, dass es der Künstlergruppe bei ihrer Doppelinszenierung zum Thema Terror keinesfalls um ein bloßes Aufwärmen der allseits bekannten Ereignisse ging. Im Gegenteil: “Kinder der Revolution” ist hier wörtlich zu verstehen und zeichnet das ambivalente und viel zu selten thematisierte Bild vom Terror der Generation nach der Nachkriegsgeneration.
Aus genau dieser stammen nämlich die derzeit acht Mitglieder des “Theaterhaus Rüsselsheim”, das sich als professioneller wie freier, weil nicht formalisierter Zusammenschluss darstellender Künstler begreift und sich zum Ziel gesetzt hat, inhaltliche Theaterarbeit jenseits der Tourneebühnen wieder nach Rüsselsheim zu bringen. Dazu gehört freilich auch die Wahl des Spielortes und die ist, wie auch das Erreichen des selbst gesteckten Zieles, für beide Teile des Abends exzellent gelungen.
Los ging es im Opel Forum, das nicht nur durch seine ursprünglich kapitalorientierte Zweckbestimmung, sondern auch mit seiner technischen Ausstattung beste Vorraussetzungen für den mit “Terror, gestern, heute und morgen” betitelten szenischen Vortrag bot. Sophie Basse, Holger Kraft und René Marik stellten sich, verstärkt durch Assistentin Bianca Karger und Musiker Kai Beck, als Moderatoren einer BKA-Vortragsreihe vor, die sich im Sinne von Infotainment dem Thema Terror widmen wolle. Mit der entsprechenden Multimedialität entwickelte das Trio so ein Panoptikum unterschiedlicher Sichtweisen auf die Materie. Das reichte von Pressekonferenz-artig verlesenen Abrissen über historische Terrorakte über den “Blick hinter die Kulissen” der Familie Bin Laden und den per Playmobil nachvollzogenen Zugriff auf die RAF-Terroristin und Amarenabecher-Fan Eva Haule bis hin zu Einspielern mit einer entlarvenden Straßenumfrage zum Thema Sicherheitsbedürfnis in Rüsselsheims Fußgängerzone. Dass sich bei alldem Ideologie mit Nonsens, Humor mit Phrasendrescherei und Popkultur mit Morbidität zu einem letztlich beängstigend-eigenschaftslosen Stimmungsbild verdichteten, offenbarte die selten so treffend dargestellte Gegensätzlichkeit von Terror und Spaßgesellschaft.
Völlig anders und doch in dieselbe Kerbe schlagend zeigte sich der zweite Teil, für den Ensemble und Publikum in die benachbarte Werkshalle A1 umzogen. Die mit großem Einsatz und wenigen Mitteln inszenierte Groteske “Der Leutnant von Inishmore” des Iren Martin McDonagh machte im Stile eines Tarrantino oder Lynch bizarre Gegensätze und Zwiespälte zwischen unreflektierter Brutalität und emotionaler Einfalt zum Leitthema.
(Mainspitze 21.07.2007)
Tiere liebt er aber wirklich sehr
VON SYLVIA STAUDE
Am 2. August 1986 wurde die RAF-Terroristin Eva Haule-Frimpong in einem Eiscafé in Rüsselsheim festgenommen. Ein Ereignis, das eine Rüsselsheimer Theatergruppe einfach nicht ignorieren kann, wenn sie sich des Themas Terrorismus annehmen will. Und so tritt Eva Haule nun im Rüsselsheimer Opel-Forum auf - als dunkelhaariges Playmobil-Figürchen, das in einer Playmobil-Eisdiele sitzt und von Playmobil-Polizisten verhaftet wird.
“Theaterhaus Rüsselsheim” nennt sich eine Neugründung, obwohl die Akteure über ein Haus nicht eigentlich verfügen, sondern bei Opel Unterschlupf fanden für ihre erste Produktion mit dem Titel “Kinder der Revolution”. Den ersten, einstündigen Teil - “Terror, gestern, heute und morgen” - zeigt die Gruppe in einer Art Tagungsraum: Drei Mitarbeiter des Bundeskriminalamts (die Schauspieler René Marik, Holger Kraft, Sophie Basse) laden zum Terrorismus-Vortrag. Von D wie Definition bis L wie Linksextremismus.
Gemeinsam mit den Zuhörern üben sie, wie man El Kaida richtig ausspricht (mit Rachen-Ch, angeblich). Und ein Video dokumentiert, wie durch die Fußgängerzone schlendernde Rüsselsheimer auf die Frage reagieren, ob sie sich sicher fühlen. Und wohin man noch reisen kann, ohne sich in Gefahr zu begeben. Nicht wenige Befragte waren auch der Meinung, dass Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble im Prinzip auf dem rechten Weg ist. In diesem ersten Aufführungsteil wird auch die Festnahme Haule-Frimpongs in Playmobil-Land nachgestellt, mit entschiedenem Mut zum Slapstick.
Was einem Angst macht, darüber muss man scherzen. Dem Motto scheint auch der zweite Teil des Abends zu folgen. In der Opel-Werkshalle A1, in der es genau so aussieht, wie man sich eine alte Industriehalle vorstellt, spielen Marik, Kraft und Basse sowie Bianca Karger ein kurzes, grelles Stück des 1970 geborenen Iren Martin McDonagh: “Der Leutnant von Inishmore”, 2001 von der Royal Shakespeare Company uraufgeführt, ist eine herrlich geschmacklose Komödie, ein bös-bitteres Terroristen-Porträt.
Die “Freiheitskämpfer”, die darin auftreten, gründen zum einen alle naselang eine neue Splittergruppe und schießen sich dann gegenseitig nieder; finden zum anderen nichts dabei, Menschen zu foltern (ihnen die Zehennägel auszureißen, zum Beispiel) - brechen aber in Tränen aus, wenn eine Katze ins Gras beißt.
Alles dreht sich im “Leutnant von Inishmore” nämlich um den Kater der psychopathischen IRA-Titelfigur Padraic (Sophie Basse), die er “Wee Thomas” ruft, “Klein-Thomas”. Wee Thomas also ist tot, als das Stück beginnt. Und Donny (Marik als Padraics Vater) sowie Davey (Kraft) überlegen, wie sie es dem jungen Psychopathen beibringen. Beziehungsweise, ob sie versuchen sollen, ihm eine mit Schuhcreme geschwärzte Katze als Ersatz unterzujubeln.
Der vonTrauer überwältigte Padraic fände übrigens gar nichts dabei, zur Strafe auch seinen Vater zu erschießen. Es stellt sich aber raus, dass eine andere Splittergruppe Wee Thomas tötete, um den IRA-Leutnant aus seinem Versteck zu locken ….
Zynisch, alles andere als IRA-freundlich und von monty-pythoneskem Humor ist McDonaghs Stück, das “Theaterhaus Rüsselsheim” lässt es unter der Regie Thomas Zielinskis splattern und krachen, zuletzt werden die Toten fachmännisch zerlegt (aber hinter der Couch, keine Angst).
Dieses rabenschwarze “Kinder der Revolution”-Doppel ist ein respektabel respektloser Einstand für eine Truppe, die künftig immer mal wieder - in wechselnder Konstellation - in Rüsselsheim auch über Rüsselsheim reden (und spielen) will. Vielleicht ja so erfolgreich, dass es irgendwann fürs Theaterhaus ein festes Dach über dem Kopf gibt.
Theaterhaus Rüsselsheim im Opel-Forum, Bahnhofsplatz: 3.-9. September, 20 Uhr. Karten-Tel. 06142/832630.
(Frankfurter Rundschau 23.07.2007)