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Kinder Der Revolution

Sonntag, 7. Oktober 2007 | Autor: kraft.h

ein Theaterabend in zwei Teilen

Vor 20 Jahren wurde in einem Rüsselsheimer Eiscafé die RAF-Terroristin Eva Haule verhaftet. Vor 25 Jahren wurde das Hüttendorf im Startbahnwald geräumt. Vor 30 Jahren versank die Republik im Herbst. Vor 35 Jahren zum Beispiel standen ein ehemaliger Außenminister und ein ehemaliger Topkabarettist am Fließband der Firma Opel und montierten linksradikale Autos.

kinderderrevolution

Kinder Der Revolution.
Vor 40 Jahren starb Benno Ohnesorg. Und heute, was ist heute? Martin Walser hat in einem seiner Tagebücher geschrieben: Wenn es Antworten gäbe, gäbe es keine Fragen mehr. Vielleicht gibt es deshalb das Theater. Fragen wir das Theater: Wird es die Revolution geben? Sagt das Theater: Mal sehen. Eine Antwort muss sich (siehe Walser) jeder selbst ausdenken.

Kinder der Revolution © pixelbelichter

Kinder der Revolution © pixelbelichter

Kinder der Revolution © pixelbelichter’

 

 

Der erste Teil von „Kinder der Revolution” findet in der Rathaus Rotunde statt. Terror gestern, heute und morgen sind Gegenstand des Szenariums, Umfragen, Livezuschaltungen, Filmeinspielungen und musikalische Beiträge runden das semidokumentarische Spektakel ab. Auch hier wieder werden Fragen gestellt: Haben Sie Angst? Hatten Sie schon immer Angst und explizit vor Terroristen? Wer und was ist das überhaupt? Was kann Mensch dagegen tun? Und was hat er früher dagegen getan? Was treiben und was treibt die Kinder der Revolution? Wie politisch ist die Gesellschaft heute, im Vergleich zu früher, vor 20, 25, 30 Jahren? Wer erinnert sich noch an die Startbahn West? Wer war schon einmal Glied einer Menschenkette? Wofür ist die Gesellschaft, sind die Menschen, zu kämpfen bereit? Sollen Ex-Terroristen aus dem Gefängnissen entlassen werden? Und wenn ja, wohin? Muss denn sogar der Widerstand von oben geregelt werden? Und, wenn ja, ist dafür die Kunst zuständig?

Kinder der Revolution © pixelbelichterIm zweiten Teil der Veranstaltung, dann in der Werkhalle A1 auf dem Opel Gelände wird Martin McDonaghs Groteske „Der Leutnant von Inishmore” gezeigt, eine psychologische Studie über den Irrwitz der Gewalt, über seinen Selbstzweck und über seine Automatismen. In einer Inszenierung, die das zuvor Erlebte und Gesehene ergänzt oder kontrastiert, je nach Blickwinkel. „Der Leutnant von Inishmore” heißt das Stück, das eine Geschichte über das Scheitern ist. Vom Scheitern der Revolution. Vom Scheitern aus Blödheit und Ignoranz.

Es hat den gleichen Liebreiz wie der Ort, an dem es spielt, und wie die Menschen, die es spielen. Es hat eine Notwendigkeit, wie die Zusammenkunft eben dieser Menschen notwendigerweise kein Zufall ist. Vielleicht, das könnte sein, geht von dieser Begegnung ein Widerstand aus. Ein kleines bisschen. Und dann geht das wieder los, mit den Fragen. Warum das alles so ist und nicht anders? Es hätte doch auch alles anders sein können.

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Bilder: Kinder der Revolution

Freitag, 5. Oktober 2007 | Autor: koeberich.e

Bilder © Ekky Köberich: pixelbelichter.com

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Pressestimmen zu: Kinder der Revolution

Donnerstag, 4. Oktober 2007 | Autor: koeberich.e

Blick hinter die Kulisse der Familie Bin Ladens“Theaterhaus” feiert Premiere mit “Kinder der Revolution”/Gegensätzlichkeit von Terror und SpaßgesellschaftVom 21.07.2007Von André Domes

RÜSSELSHEIM Mit dem Werktitel “Kinder der Revolution” kommt das “Theaterhaus Rüsselsheim” noch ganz im frühen 70ies-Outfit daher und lockt auch ein bisschen mit dem dazugehörigen Revoluzzer-Pathos. Doch wer am Donnerstag der Premiere des zweiteiligen Theaterabends beiwohnte, der merkte schnell, dass es der Künstlergruppe bei ihrer Doppelinszenierung zum Thema Terror keinesfalls um ein bloßes Aufwärmen der allseits bekannten Ereignisse ging. Im Gegenteil: “Kinder der Revolution” ist hier wörtlich zu verstehen und zeichnet das ambivalente und viel zu selten thematisierte Bild vom Terror der Generation nach der Nachkriegsgeneration.

Aus genau dieser stammen nämlich die derzeit acht Mitglieder des “Theaterhaus Rüsselsheim”, das sich als professioneller wie freier, weil nicht formalisierter Zusammenschluss darstellender Künstler begreift und sich zum Ziel gesetzt hat, inhaltliche Theaterarbeit jenseits der Tourneebühnen wieder nach Rüsselsheim zu bringen. Dazu gehört freilich auch die Wahl des Spielortes und die ist, wie auch das Erreichen des selbst gesteckten Zieles, für beide Teile des Abends exzellent gelungen.

Los ging es im Opel Forum, das nicht nur durch seine ursprünglich kapitalorientierte Zweckbestimmung, sondern auch mit seiner technischen Ausstattung beste Vorraussetzungen für den mit “Terror, gestern, heute und morgen” betitelten szenischen Vortrag bot. Sophie Basse, Holger Kraft und René Marik stellten sich, verstärkt durch Assistentin Bianca Karger und Musiker Kai Beck, als Moderatoren einer BKA-Vortragsreihe vor, die sich im Sinne von Infotainment dem Thema Terror widmen wolle. Mit der entsprechenden Multimedialität entwickelte das Trio so ein Panoptikum unterschiedlicher Sichtweisen auf die Materie. Das reichte von Pressekonferenz-artig verlesenen Abrissen über historische Terrorakte über den “Blick hinter die Kulissen” der Familie Bin Laden und den per Playmobil nachvollzogenen Zugriff auf die RAF-Terroristin und Amarenabecher-Fan Eva Haule bis hin zu Einspielern mit einer entlarvenden Straßenumfrage zum Thema Sicherheitsbedürfnis in Rüsselsheims Fußgängerzone. Dass sich bei alldem Ideologie mit Nonsens, Humor mit Phrasendrescherei und Popkultur mit Morbidität zu einem letztlich beängstigend-eigenschaftslosen Stimmungsbild verdichteten, offenbarte die selten so treffend dargestellte Gegensätzlichkeit von Terror und Spaßgesellschaft.

Völlig anders und doch in dieselbe Kerbe schlagend zeigte sich der zweite Teil, für den Ensemble und Publikum in die benachbarte Werkshalle A1 umzogen. Die mit großem Einsatz und wenigen Mitteln inszenierte Groteske “Der Leutnant von Inishmore” des Iren Martin McDonagh machte im Stile eines Tarrantino oder Lynch bizarre Gegensätze und Zwiespälte zwischen unreflektierter Brutalität und emotionaler Einfalt zum Leitthema.

(Mainspitze 21.07.2007)

Tiere liebt er aber wirklich sehr
VON SYLVIA STAUDE

Am 2. August 1986 wurde die RAF-Terroristin Eva Haule-Frimpong in einem Eiscafé in Rüsselsheim festgenommen. Ein Ereignis, das eine Rüsselsheimer Theatergruppe einfach nicht ignorieren kann, wenn sie sich des Themas Terrorismus annehmen will. Und so tritt Eva Haule nun im Rüsselsheimer Opel-Forum auf - als dunkelhaariges Playmobil-Figürchen, das in einer Playmobil-Eisdiele sitzt und von Playmobil-Polizisten verhaftet wird.

“Theaterhaus Rüsselsheim” nennt sich eine Neugründung, obwohl die Akteure über ein Haus nicht eigentlich verfügen, sondern bei Opel Unterschlupf fanden für ihre erste Produktion mit dem Titel “Kinder der Revolution”. Den ersten, einstündigen Teil - “Terror, gestern, heute und morgen” - zeigt die Gruppe in einer Art Tagungsraum: Drei Mitarbeiter des Bundeskriminalamts (die Schauspieler René Marik, Holger Kraft, Sophie Basse) laden zum Terrorismus-Vortrag. Von D wie Definition bis L wie Linksextremismus.

Gemeinsam mit den Zuhörern üben sie, wie man El Kaida richtig ausspricht (mit Rachen-Ch, angeblich). Und ein Video dokumentiert, wie durch die Fußgängerzone schlendernde Rüsselsheimer auf die Frage reagieren, ob sie sich sicher fühlen. Und wohin man noch reisen kann, ohne sich in Gefahr zu begeben. Nicht wenige Befragte waren auch der Meinung, dass Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble im Prinzip auf dem rechten Weg ist. In diesem ersten Aufführungsteil wird auch die Festnahme Haule-Frimpongs in Playmobil-Land nachgestellt, mit entschiedenem Mut zum Slapstick.

Was einem Angst macht, darüber muss man scherzen. Dem Motto scheint auch der zweite Teil des Abends zu folgen. In der Opel-Werkshalle A1, in der es genau so aussieht, wie man sich eine alte Industriehalle vorstellt, spielen Marik, Kraft und Basse sowie Bianca Karger ein kurzes, grelles Stück des 1970 geborenen Iren Martin McDonagh: “Der Leutnant von Inishmore”, 2001 von der Royal Shakespeare Company uraufgeführt, ist eine herrlich geschmacklose Komödie, ein bös-bitteres Terroristen-Porträt.

Die “Freiheitskämpfer”, die darin auftreten, gründen zum einen alle naselang eine neue Splittergruppe und schießen sich dann gegenseitig nieder; finden zum anderen nichts dabei, Menschen zu foltern (ihnen die Zehennägel auszureißen, zum Beispiel) - brechen aber in Tränen aus, wenn eine Katze ins Gras beißt.

Alles dreht sich im “Leutnant von Inishmore” nämlich um den Kater der psychopathischen IRA-Titelfigur Padraic (Sophie Basse), die er “Wee Thomas” ruft, “Klein-Thomas”. Wee Thomas also ist tot, als das Stück beginnt. Und Donny (Marik als Padraics Vater) sowie Davey (Kraft) überlegen, wie sie es dem jungen Psychopathen beibringen. Beziehungsweise, ob sie versuchen sollen, ihm eine mit Schuhcreme geschwärzte Katze als Ersatz unterzujubeln.

Der vonTrauer überwältigte Padraic fände übrigens gar nichts dabei, zur Strafe auch seinen Vater zu erschießen. Es stellt sich aber raus, dass eine andere Splittergruppe Wee Thomas tötete, um den IRA-Leutnant aus seinem Versteck zu locken ….

Zynisch, alles andere als IRA-freundlich und von monty-pythoneskem Humor ist McDonaghs Stück, das “Theaterhaus Rüsselsheim” lässt es unter der Regie Thomas Zielinskis splattern und krachen, zuletzt werden die Toten fachmännisch zerlegt (aber hinter der Couch, keine Angst).

Dieses rabenschwarze “Kinder der Revolution”-Doppel ist ein respektabel respektloser Einstand für eine Truppe, die künftig immer mal wieder - in wechselnder Konstellation - in Rüsselsheim auch über Rüsselsheim reden (und spielen) will. Vielleicht ja so erfolgreich, dass es irgendwann fürs Theaterhaus ein festes Dach über dem Kopf gibt.

Theaterhaus Rüsselsheim im Opel-Forum, Bahnhofsplatz: 3.-9. September, 20 Uhr. Karten-Tel. 06142/832630.

(Frankfurter Rundschau 23.07.2007)

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