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Rekord B oder: Die Geschichte der Opelrentner

Freitag, 3. Juli 2009 | Autor: treber.m

Die Geschichte der Opelrentner

Die Geschichte der Opelrentner

Die Stimmung ist im Keller. Dem Automobilkonzern geht es zur Zeit ganz besonders schlecht, der Markt bricht wie immer ein, doch so schlimm war es noch nie. Der Staat schenkt den Bürgern Geld, damit sie Autos kaufen können. Aber das reicht nicht. Der Staat soll dem Konzern Geld schenken, damit er weiter Autos des Jahres baut. Der Staat ziert sich. Er hat ja selbst kein Geld, weil der Konzern keine Steuern zahlt.
Das Gegenteil von Wirtschaftskrise heißt Wirtschaftswunder. Das ist lange her, eine gefühlte Ewigkeit, und möglicherweise wäre es schon vergessen, lebten nicht in den Altersheimen der Stadt noch Frauen und Männer, die nach dem Krieg das Land zum Blühen brachten. Ihren Geist heraufzubeschwören, dem verblassten Glanz zu polieren und darauf eine verheißungsvolle Zukunft zu gründen war Absicht der Einladung, die die PR-Abteilung des Konzerns an einige Dutzend Veteranen richtete: Vor 50 Jahren sei der erste Kapitän P 2.6 vom Band gelaufen, ein Erfolgsmodell, eine Pioniertat, der nun mit den Rüstigsten unter den damals aktiv Beteiligten gedacht werden solle. Nur eine kleine Feier mit Schlagermusik, Kartoffelsalat und Fotoalben, nichts besonderes.
Tatsächlich aber gerät die kleine Feier zur Generalabrechnung von alten Männern, denen die Unternehmenspolitik suspekt und ihre Heimatstadt fremd geworden ist. Die die Vorgänge nicht verstehen bzw. nicht verstehen, wie es dazu gekommen ist. Die plötzlich auf den Barrikaden stehen. Die sich endlich wieder öffentlich äußern, nachdem sie ihre Gedanken wenn überhaupt nur noch im kleinsten Kreis (Vereinsvorstand, Stammtisch, Familie) geäußert hatten. Die Jahrzehnte lang an Weihnachten ein Modellauto als Geschenk entgegen genommen und ihren Kindern und Enkeln Opelautos finanziert hatten. Die aus dem geschlossenen Kosmos drinnen stammten und denen es hinterher schwer fiel, sich draußen, vor den Toren des Werks, richtig zurecht¬zufinden.
Im Zentrum des Geschehens steht der ehemalige Hochdruckschweißer Karlheinz, der sich aufrichtig auf das Rekordjubiläumsfest freut und sehr gern mit seiner Frau Ruth hingegangen wäre Mit Ruth, die niemals an einer Führung durch die Fabrik teilgenommen hatte, weil sie niemals Zeit dafür fand, weil doch immer etwas zu tun war, Wäsche waschen, Kleider bügeln, Karlheinz und den Buben die Frühstücks¬brote schmieren, die Küche, die Böden, die Fenster, drei Mahlzeiten, und jetzt ist sie tot, nachdem sie sich immer die Sorgen gemacht hatte, wegen seiner Krankheiten, seiner Augenentzündung, seiner Magenschleimhaut¬entzündung, seinen Gallensteinen, der Prostata usw., und wegen dem Sohn Ralf, der immer mit dem einen Fuß am Abgrund stand, wo jetzt die Firma steht. Das alles muss doch erzählt werden, bevor es vergessen ist, und so wird Karlheinz zum Kronzeugen des Niedergangs.
Rekord B oder: Die Geschichte der Opelrentner ist ein schaurig-schöne Veranstaltung, eine subversive Liebeserklärung an ein Lebensgefühl und der Abschied von einem Mythos.

Uraufführung
Mittwoch, 1. Juli 2009, Rathaus Innenhof, Rüsselsheim.

Weitere Aufführungen:

3., 4., 5. und 7. Juli

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Thema: 04 Repertoire

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